Gefühle: Angst, Furcht, Mut, NEU: Gefühllosigkeit

NEU Gefühl der Gefühllosigkeit , aus dem Buch „das ABC der Gefühle“

Wenn alle anderen Gefühle erstorben sind, dann trete ich auf. Zumeist namenlos und unbestimmt , aber doch präsent. Auch das fehlen von Gefühlen kann man fühlen. Und nur, wenn Menschen mich akzeptieren, können sie sich auf den Weg machen, ihre Gefühle wieder herbeizuholen.

Ich also ein Platzhalter für die anderen Gefühle. Damit bin ich zufrieden. Mehr will ich gar nicht. Wenn ich mich nämlich dauerhaft einrichten muss, werde ich zu einer Form der Depression. Ich umschlinge die gesamte Lebendigkeit eines Menschen und drohe, sie zu verschlingen. Oder ich werde zur Rohheit, was sich ganz und gar nicht gut anfühlt und meistens böse endet.

Also ein Platzhalter für andere Gefühle zu sein, ist schon gut und sinnvoll. Ein Schriftsteller und Philosoph hat mich „erstarrte seelische Lava“ Mercer, genannt. Wenn da wieder Bewegung hineinkommt, bin ich heilfroh. Ich bin ja nicht aus freiem Willen erstanden, sondern immer als Notwehr, weil Gefühle nicht mehr aushaltbar waren.Durch gewaltige Übergriffe, durch Verachtung und andauernde Beschämung oder weil Menschenei ihren Gefühlen ständig ins leere gingen und das nicht mehr aushielten.

Wenn ich als erstarrte Lava wieder zu glühen beginne und und Bewegung gerate, dann steigt Rauch auf, der Rauch der schmerzlichen Erfahrungen, die zu meiner Existenz geführt haben. Früher waren diese Schmerzen nicht auszuhalten. Damit sie jetzt auszuhalten sind, brauchen die Menschen Begleitung, freundschaftliche, therapeutische, welche auch immer, in jedem Fall dürfen sie nicht allein und einsam sein, nur dann können die anderen Gefühle wieder Raum bekommen. Für mich heisst es dann: Job erfüllt. Dann löse ich mich gerne auf.

Angst habe ich eher, wenn solche Wiederbelebungsprozesse nicht gelingen oder der Mut und die Unterstützung fehlen, sie überhaupt beginnen. Dann verwandle ich mic manchmal notgedrungen in Depression oder Rohheit. Aber das bedeutet für mich, dauerhaft in Starre gefangen leben zu müssen.

Angst: Aus dem Buch ABC der Gefühle.

Ich krieche durch Ritzen und bleibe in den Kleidern hängen, ich verflache das Atmen und verenge den Platz eines Menschen in der Welt. Von mir, der Angst, haben viele Menschen Angst.

Dabei bin ich doch so nützlich. Ich passe auf, dass Susanne nicht an die heisse Herdplatte fasst und Peter nicht die Steckdose auseinandernimmt. Ich sorge dafür, dass Frau Muller bei Rot an der Ampel hält und Herr Bauer Versicherungen abschliesst. Ich verhindere dass Menschen bei Sturm ins Meer gehen oder bei Blitzschlägen über die Wiese laufen. Wäre ich nicht, gäbe es viel mehr Unglück auf dieser Welt.

Vielleicht hängt mein schlechter Ruf damit zusammen, dass immer, wenn man mich spürt, auch das Unglück präsent wird, das ich gerade verhindern will. Die Angst vor dem Autounfall wird begleitet von Bildern eines solchen Unfalls, obwohl ich ihn gerade verhindern möchte. Also muss ich wohl damit leben, dass ich einen schlecht Beigeschmack verursache.

Jeder braucht mich, doch niemand liebt mich.

Manchmal werde ich geradezu dazu angestiftet, meine Bedrohlichkeit aufzublähen oder als fantastisch-böse Gestalt zu verkleiden. Erwachsene engagieren mich in dieser Rolle gerne für ihre Kinder, um sie zu erziehen, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Kein Wunder, wenn mich dann die Kinder nicht lieben und als Erwachsene meistens nur Verachtung für mich übrig haben.

Auch wenn ich nur als Verhinderin gesehen werde, als ein Gefühl, das dafür sorgt, das schlimmes nicht eintritt, so kann ich doch auch damit Berge bewegen. Nicht nur die Chinesische Mauer, auch all die die Deiche n dieser Welt, alle Krankenhäuser, die meisten Rechtsanwälte, die Gefängnisse, die Regeschirme und vieles andere mehr zeugen von der Produktivität, die in der Angst vor Schutzlosigkeit steckt.

Normalerweise bin ich eine umgängliche Gesellin. Ich komme, wenn ich vonnöten bin, und gehe wieder, wenn meine Arbeit getan habe. Doch manchmal stecke ich fest. Vielleicht wurde ein Mensch so existenziell von einer Bedrohung erschüttert, dass er meint, mich immer und überall zu brauchen. Vielleicht lebt oder lebte ein Mensch in einer Umgebung, die so voll von mir war, dass er gar nicht mehr weiss, ob ich zu ihm gehöre oder zu andern. Manchmal überfalle ich auch Menschen, ganz plötzlich mitten in der Nacht oder bei einer harmlosen Tätigkeit. Das mache ich dann, wenn ich lange im Verborgenen in diesem Menschen schlummere ( übrigens auch bei all denen, die vor nichts Angst haben) oder eingesperrt bin und sich dann ein Türchen öffnet, durch das ich ausbrechen kann.

Auch ich, die Angst, habe Angst. Ich fürchte mich vor Trost und Mitgefühl, weil sie an mir zehren. Ich scheue das Licht, wenn ich entdeckt, ausgesprochen, erkannt und anderen mitgeteilt werde, muss ich heraus aus den Verstecken, in denen ich mich so behaglich  eingerichtet habe und so ungestört wachsen konnte. Auch wenn Menschen für sich und mit anderen Aktiv werden, Sport treiben oder tanzen, musizieren oder Blumen pflanzen, entzieht mir das nicht immer , aber sehr oft die Kraft. Vor der Liebe fürchte ich mich , sie kann mich umbringen.

Furcht:

Ich bin die Zwillingsschwester der Angst. Alles, was die Angst von sich preisgegeben hat, gilt auch für mich. Wir werden oft verwechselt, weil wir so ähnlich aussehen. Es gibt nur einen Unterschied zwischen uns ( und den auch nicht immer): Die Angst ist oft sehr unbestimmt und durcheinander. Wer Angst hat, weiss oft nicht, wovor er sich ängstigt. Oder er ängstigt sich mal vor diesem, mal vor jenem.

Ich bin Konkreter. Wenn ich in einem Menschen aufsteige, dann zeige ich dem Menschen auch, wovor er sich fürchtet. Deswegen gebe ich ihm eher eine Richtung vor, wogegen er ankämpfen oder wovor er flüchten soll. Menschen, die mich, das Fürchten, verlernt haben, denen ich ausgetrieben worden bin, sind zu bedauern. Denn sie haben kein Mass, was gut für sie ist und was nicht.

Besonders wirksam bin ich in der Gemeinschaft mit der Einsamkeit. Mit ihr ziehe ich gerne umher, während mich die Gegenden, in denen sich die Solidarität aufhält, nicht zum Aufenthalt verlocken. Solidarität vertreibt mich.

MUT

Mich kennt jeder- zumindest aus Filmen und Büchern. Ich bin das Gefühl, das die Angst überwindet. Durch mich wird es möglich, für etwas einzutreten, für die eigenen Interessen kämpfen und für die der anderer. Mut zeigt sich aber nicht nur darin, grossartige <taten zu vollbringen. Mut zeigt sich auch im kleinen,  wenn ein Vater in der schule für sein Kind eintritt oder eine Frau ihrem Chef wiederspricht.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Ich brauche die Angst. Ohne Angst gibt es mich nicht. Wenn Supermann, der keine Angst kennt, die Welt rettet, braucht er mich nicht. Wenn ein Mädchen ihre Freundin gegen Mobbing unterstützt, dann hat sie Angst und brauch mich. Wenn ich auftrete, dann mit der Angst und trotz der Angst.

Sie darf und soll ein bisschen bei mir bleiben und auf mich aufpassen, dass ich nicht über die Stränge schlage. Sonst kann ich gefährlich übermütig werden.

Eine unbekannte Seite von mir ist die Zumutung. Wenn ich als Zumutung daher komme, werde ich oft abgelehnt. Dabei stand das Wort «mut» aus dem Indogermanischen «muod» und bedeutet «Seele». Als «Zumutung» wende ich die Seele eines Menschen jemandem zu. Sich zumuten besteht aus vielen wichtigen Kleinigkeiten. Einen Wunsch äusseren. Eine Krankheit nicht verschweigen. Lachen, wenn andere nicht lachen. Ja sagen. Nein sagen.

Ich sagen. Sich jemandem zuwenden. Eigen-sinnig sein. Zeigen, dass man nicht weiter weiss. Hilflos sein um Hilfe bitten. Hilfe annehmen. Ein Lied singen. Ungelebtes Leben leben….

Sich zumuten bedarf aber auch der Differenzierung. Wem mutet sich ein Mensch zu und wem nicht? Sich zumuten brauch das Vertrauen, nicht beschämt, verlacht oder zurückgewiesen werden. Oft entdecken Menschen mehr andere Menschen, denen  sie sich zumuten können, als sie vorher vermutet haben. Doch wenn schon vorher abzusehen ist, dass von bestimmten Menschen mit Abweisung und Erniedrigung zu rechnen ist, ist jedes sich zumuten fehl am Platze. 

Als Mut brauche ich Grenzen. Diese Grenzen sind die Würde und Selbstachtung bzw. die Achtung anderer. Ich will ihnen meinen Mut nicht über die Grenzen der Menschen gehen.

Ich will als Zumutung keine beschämenden oder sonstigen grenzverletzenden Zumutungen anderer aushalten und auch selbst anderen nicht zumuten. Die Angst und die Würde sind also meine Vertrauten, meine Partnerinnen. Deswegen habe ich vor ihnen keine Angst. Ich fürchte mich eher vor der Haltlosigkeit und Masslosigkeit. Denn verliere ich mich in der Leere und in der Gewalt und kenne mich selbst nicht wieder.