Gefühle

Angst: Aus dem Buch ABC der Gefühle.

Ich krieche durch Ritzen und bleibe in den Kleidern hängen, ich verflache das Atmen und verenge den Platz eines Menschen in der Welt. Von mir, der Angst, haben viele Menschen Angst.

Dabei bin ich doch so nützlich. Ich passe auf, dass Susanne nicht an die heisse Herdplatte fasst und Peter nicht die Steckdose auseinandernimmt. Ich sorge dafür, dass Frau Muller bei Rot an der Ampel hält und Herr Bauer Versicherungen abschliesst. Ich verhindere dass Menschen bei Sturm ins Meer gehen oder bei Blitzschlägen über die Wiese laufen. Wäre ich nicht, gäbe es viel mehr Unglück auf dieser Welt.

Vielleicht hängt mein schlechter Ruf damit zusammen, dass immer, wenn man mich spürt, auch das Unglück präsent wird, das ich gerade verhindern will. Die Angst vor dem Autounfall wird begleitet von Bildern eines solchen Unfalls, obwohl ich ihn gerade verhindern möchte. Also muss ich wohl damit leben, dass ich einen schlecht Beigeschmack verursache.

Jeder braucht mich, doch niemand liebt mich.

Manchmal werde ich geradezu dazu angestiftet, meine Bedrohlichkeit aufzublähen oder als fantastisch-böse Gestalt zu verkleiden. Erwachsene engagieren mich in dieser Rolle gerne für ihre Kinder, um sie zu erziehen, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Kein Wunder, wenn mich dann die Kinder nicht lieben und als Erwachsene meistens nur Verachtung für mich übrig haben.

Auch wenn ich nur als Verhinderin gesehen werde, als ein Gefühl, das dafür sorgt, das schlimmes nicht eintritt, so kann ich doch auch damit Berge bewegen. Nicht nur die Chinesische Mauer, auch all die die Deiche n dieser Welt, alle Krankenhäuser, die meisten Rechtsanwälte, die Gefängnisse, die Regeschirme und vieles andere mehr zeugen von der Produktivität, die in der Angst vor Schutzlosigkeit steckt.

Normalerweise bin ich eine umgängliche Gesellin. Ich komme, wenn ich vonnöten bin, und gehe wieder, wenn meine Arbeit getan habe. Doch manchmal stecke ich fest. Vielleicht wurde ein Mensch so existenziell von einer Bedrohung erschüttert, dass er meint, mich immer und überall zu brauchen. Vielleicht lebt oder lebte ein Mensch in einer Umgebung, die so voll von mir war, dass er gar nicht mehr weiss, ob ich zu ihm gehöre oder zu andern. Manchmal überfalle ich auch Menschen, ganz plötzlich mitten in der Nacht oder bei einer harmlosen Tätigkeit. Das mache ich dann, wenn ich lange im Verborgenen in diesem Menschen schlummere ( übrigens auch bei all denen, die vor nichts Angst haben) oder eingesperrt bin und sich dann ein Türchen öffnet, durch das ich ausbrechen kann.

Auch ich, die Angst, habe Angst. Ich fürchte mich vor Trost und Mitgefühl, weil sie an mir zehren. Ich scheue das Licht, wenn ich entdeckt, ausgesprochen, erkannt und anderen mitgeteilt werde, muss ich heraus aus den Verstecken, in denen ich mich so behaglich  eingerichtet habe und so ungestört wachsen konnte. Auch wenn Menschen für sich und mit anderen Aktiv werden, Sport treiben oder tanzen, musizieren oder Blumen pflanzen, entzieht mir das nicht immer , aber sehr oft die Kraft. Vor der Liebe fürchte ich mich , sie kann mich umbringen.

Furcht:

Ich bin die Zwillingsschwester der Angst. Alles, was die Angst von sich preisgegeben hat, gilt auch für mich. Wir werden oft verwechselt, weil wir so ähnlich aussehen. Es gibt nur einen Unterschied zwischen uns ( und den auch nicht immer): Die Angst ist oft sehr unbestimmt und durcheinander. Wer Angst hat, weiss oft nicht, wovor er sich ängstigt. Oder er ängstigt sich mal vor diesem, mal vor jenem.

Ich bin Konkreter. Wenn ich in einem Menschen aufsteige, dann zeige ich dem Menschen auch, wovor er sich fürchtet. Deswegen gebe ich ihm eher eine Richtung vor, wogegen er ankämpfen oder wovor er flüchten soll. Menschen, die mich, das Fürchten, verlernt haben, denen ich ausgetrieben worden bin, sind zu bedauern. Denn sie haben kein Mass, was gut für sie ist und was nicht.

Besonders wirksam bin ich in der Gemeinschaft mit der Einsamkeit. Mit ihr ziehe ich gerne umher, während mich die Gegenden, in denen sich die Solidarität aufhält, nicht zum Aufenthalt verlocken. Solidarität vertreibt mich.