Erstarrt vor Angst

Experten schätzen, dass rund ein Viertel der industrialisierten Bevölkerung zumindest einmal im Leben an einer Angststörung erkrankt. Zum Beispiel Panikattacken.
Panikattacken sind gemeine, machtvolle Biester. Sie greifen aus dem Hinterhalt an, schleichen sich leise an, verbeißen sich – und das scheinbar ohne Grund: Plötzlich ist da nichts mehr. Alles dreht sich, verschwimmt langsam -immer dieser unerträgliche Schwindel, der, wie so oft, die nächste Attacke ankündigt. Die Hände beginnen zu zittern, das Blut rauscht in den Ohren, das Herz rast. Jedes Geräusch potenziert sich ins Unermessliche. Es wird schwarz. Blackout. Danach dann die große Hilflosigkeit: starre Blicke, Tränen, Scham und Ungewissheit.
Charlotte (Name geändert) spricht von ihren Panikattacken mit einer gewissen Distanz. Als wäre es nicht sie gewesen, die da regelmäßig in der Arbeit zusammenbrach. Stakkatoartig zählt sie den Verlauf solcher Anfälle auf, die zwischen zehn und 30 Minuten andauern. Immer wieder schüttelt sie dabei kurz den Kopf -als würde sie die Gedanken daran vertreiben wollen. Charlotte wirkt nicht wie eine typische Angstpatientin, ganz im Gegenteil: Sie ist eine junge Frau mit lauter Stimme, lauter Kleidung, lautem Schmuck -sie ist präsent. Tränen kennt sie eigentlich nicht, auch keine Wut. Das wurde ihr zusätzlich zum Verhängnis und verzögerte ihre Diagnose.
Körperliche Symptome
Angst ist nichts Konkretes, schwer zu kategorisieren und noch schwieriger zu beschreiben. Für Außenstehende wirkt sie oft irrational, hat pathologische Angst doch keinen spezifischen Grund: „Oft weiß der Betroffene lange nicht, dass er überhaupt an Panikattacken leidet, und geht stattdessen beispielsweise von einem Herzinfarkt aus“, sagt Marion Freidl, Fachärztin an der verhaltenstherapeutischen Station der Universitätsklinik für Psychiatrie.
Dort behandelt sie häufig Patienten mit solchen Krankheitsbildern: „Weiß man nicht, dass man gerade eine Panikattacke hat, ist man dieser oft hilflos ausgeliefert und muss sie schlicht durchstehen -nach der Diagnose gibt es aber durchaus Tricks, mit denen man arbeiten kann, zum Beispiel die Bauchatmung.“
Da sich Angstzustände aber primär in körperlichen Symptomen wie Schwindel, Herzrasen oder Schweißausbrüchen manifestieren, wird häufig erst der Allgemeinmediziner aufgesucht. Auch fehlende Krankheitseinsicht und (damit verbundene) Fehldiagnosen sind keine Seltenheit.
Charlottes Krankengeschichte untermauert das. Nachdem sie monatelang immer wieder in der Arbeit zusammensackte, wurde sie von ihrem Hausarzt nur belächelt und mitleidig als „Mädel, das halt wenig isst, weil sie etwas abnehmen will“, abgestempelt. Charlotte ist außer sich und wechselt nach langem Hin und Her noch während des Quartals den Mediziner.
Was folgt, ist eine wahre Untersuchungsodyssee. Monate verbringt sie in diversen Arztpraxen, MRT-Geräten, aber vor allem in absoluter Ungewissheit -Diagnose erhält sie keine.
So wie der Salzburgerin ergeht es vielen Menschen in Österreich: Experten schätzen, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung mit einer Behandlungsbedürftigen Angstkrankheit leben. Zwei bis drei Prozent davon leiden wiederum an einer Panikstörung. Eine genaue statistische Erfassung dazu existiert nicht. Der Berufsverband für Psychologen in Österreich geht allerdings davon aus, dass rund ein Drittel der Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind.
Unterschiedliche Ursachen
„Stress, Schlafmangel oder ein Todesfall – die Gründe für den Ausbruch einer Panikattacke sind vielschichtig. Wirklich anlassbezogen sind sie aber selten. Es spielen meistens mehrere Faktoren mit“, erklärt Freidl. Oft sei es schlicht massive Überforderung, die das Fass irgendwann zum Überlaufen bringt. Die Schwelle ist dabei bei jedem Menschen unterschiedlich. „Angst ist ja immer etwas Subjektives. Patienten kommen zu mir und sagen dann: ‚Ich habe gerade 500 Prozent Angst!‘ Da kann man wenig dagegenhalten.“
Das musste auch Charlotte erfahren: „‚Sie wirken nicht wie eine Angstpatientin‘, das habe ich viel zu oft gehört. Es war für die Ärzte wahrscheinlicher, dass ich an Kreislaufproblemen leide, als dass ich einfach psychisch nicht mehr klarkomme. Weil ich das halt auch überspielt habe. Man selbst will das ja auch nicht wahrhaben.“ Als sie einen Arzt findet, der ihr Problem erkennt, geht sie zur Psychotherapie: „Bis ich die richtige Therapeutin für mich fand, vergingen nochmal Monate. Ich fühlte mich oft nicht ernst genommen.“ Patient und Arzt müssen einen Draht zueinander haben. Den Richtigen zu finden, gestaltet sich als Lotteriespiel -und kostet Kraft.
»Oft weiß der Betroffene lange nicht, dass er überhaupt an einer Angststörung leidet«
Freidl schätzt, dass es auch bis zur richtigen Therapieform oft Jahre dauern kann. „Angstzustände gehen mit Depressionen meist Hand in Hand. Eine Form von Gesprächs-oder Verhaltenstherapie ist unerlässlich, eine Kombination mit Medikamenten in vielen Fällen ratsam, ist aber immer individuell.
Auch Charlotte geht zur Psychotherapie, nimmt verschreibungspflichtige Tabletten gegen die Depressionen. Später kommen Beruhigungspillen dazu. Freidl: „Beruhigungstabletten machen schnell abhängig. Das ist ein schmaler Grat.“ Vor den Tabletten hat Charlotte deswegen Respekt, setzt sie immer wieder ab, „verordnet“ sie sich schlussendlich aber selbst. Ohne ging es nicht.
Es wurde schlimmer, bevor es endlich besser wurde -in den Sitzungen arbeitet sie vieles auf, kommt erst jetzt aus der Vergangenheit Verdrängtes ans Tageslicht. Traten die Attacken anfangs vorrangig am Arbeitsplatz auf, lebt Charlotte später in ständiger Angst: Angst vor Telefonaten. Angst vor dem Bus. Angst vor dem Aufzug. Angst vor Menschenmengen. Angst vor der Zukunft. Angst vor der Angst. Irgendwann ist die damalige Mittzwanzigerin nur noch mit dem Abwehren der Symptome beschäftigt, zieht sich immer weiter zurück. „Ich habe nichts als Leere gespürt. Freunde, Partner, Familie -egal, wer mir helfen wollte -alle fühlten sich unglaublich weit weg an.“
Ohne finanzielle Unterstützung ihres Vaters wäre die jahrelange Therapie aber erst gar nicht möglich gewesen. „Das System liegt da im Argen. Die Krankenkassen zahlen nur wenig. Gute 300 Euro im Monat alleine für die Sitzungen aufbringen zu müssen, ist gleich noch zusätzlicher Stress. Ich bin froh, dass da auch mein damaliger Chef so großes Verständnis zeigte.“
Hilfe der Angehörigen
Als Angehöriger sollte man ansonsten vor allem Verständnis zeigen, da sind sich Betroffene und Behandelnde einig. „Angehörige sollen das Problem ernst nehmen und nicht abtun. Ein ‚Reg dich doch nicht auf!‘ ist sicher der falsche Weg“, sagt Marion Freidl. Gleichzeitig darf man als Angehöriger nicht versuchen zu therapieren. „Bei uns gibt es deswegen Angehörigengespräche, bei denen sie über das Krankheitsbild aufgeklärt werden.“
Bis heute spürt Charlotte immer wieder aufkeimende Panik. Heute weiß sie allerdings damit umzugehen. „Es fängt immer mit Stress und Überforderung an, mittlerweile kann ich mich aber aus solchen Situationen rausnehmen. In der Therapie habe ich die Techniken dafür gelernt -mühsam. Dann geh ich halt mal früher von einem Konzert oder meide Menschenmassen.“
Auch in der Selbsthilfegruppe für Panikattacken im achten Bezirk kennt man Tipps und Tricks. Mario, Moderator und Gründer der Gruppe, die auf Ängste spezialisiert ist, leidet selbst seit mehr als 13 Jahren an der Krankheit: „Ich wollte eine Plattform bieten, bei der man Verständnis findet.“ Das Treffen dient aber auch als Informationspool für Neulinge: „Es tut gut, zu sehen, dass man nicht der Einzige ist, sich verstanden zu fühlen. Auch Ärzte kennen Panikattacken ja meist nur aus der Theorie und können dich einfach nicht zu 100 Prozent verstehen.“
Freidl ergänzt: „Es ist wichtig, sich ärztliche Hilfe zu holen. Wir konnten aber beobachten, dass geleitete Selbsthilfegruppen einen positiven Effekt haben. Dort finden die Patienten Verständnis.“
Regelmäßiger Sport
Mario und sein behandelnder Arzt setzen vor allem auf regelmäßigen Sport, um seine Ängste im Zaum zu halten. Die therapeutische Wirksamkeit von Bewegung bestätigen Studien. Andere Angstpatienten telefonieren gern mit Angehörigen, wenn sich die Angst anschleicht, um „klarer denken zu können“, oder versuchen es mit mehr Freizeit und Entspannung. Ein Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie ist aber auch die Konfrontation. Das bedeutet, dass Betroffene angstauslösende Situationen gemeinsam mit ihrem Therapeuten durchstehen – ohne Hilfsmittel.
Die Angst verschwindet dabei aber selten ganz. „Vielmehr scheint sie mittlerweile ein fixer Bestandteil unserer Gesellschaft zu sein, man muss nur schaffen, die Angst weniger Ernst zu nehmen“, meint der selbst betroffene Mario.
Ohne Angst vermutlich kein Leben. Das schrieb schon Sigmund Freud, der selbst zeitlebens unter Todesängsten litt. Auch Charlotte und Mario haben lediglich gelernt, besser mit ihren Ängsten umzugehen. Charlotte lebt allerdings seit knappen drei Jahren attackenfrei: „Sicher auch wegen meiner kleinen Tochter“, sagt die mittlerweile 32-Jährige. „Ich sehe es als meine Pflicht, die größeren Probleme von ihr fernzuhalten. In der Schwangerschaft kamen irrsinnig viele Dinge wieder hoch. Da wusste ich, dass ich sofort reagieren muss, und begann wieder mit einer Verhaltenstherapie.“
Die Angst nicht als Gegner, als das Böse zu sehen, ist vielfach der Schlüssel. Die Angst zu akzeptieren, lernen, mit ihr umzugehen und vor allem mit ihr zu leben, ist dabei die Königsdisziplin.
Vier Tipps für den Notfall
Beim Anflug einer Panikattacke gibt es durchaus eine Art „Notfallköfferchen“, an dem man sich bedienen kann. Hier ein paar Basics, auf die man zurückgreifen kann. Sie helfen im ersten Moment, ein Arzt sollte dann aber rasch aufgesucht werden.
1. Bauchatmung: Es ist wichtig, gerade bei aufkeimender Angst, besonders auf die Atmung zu achten. Flache Atmung oder das Aussetzen der Atmung können eine Panikattacke überhaupt erst entstehen lassen. Möglichst tiefes, langsames Atmen kann helfen, sich etwas zu beruhigen.
2. Muskelentspannung: Anspannung begünstigt oder verstärkt Panikattacken oft weiter. Achten Sie auf jeden einzelnen Körperteil und versuchen Sie, ihn zu entspannen. Gerade die Gesichtsmuskulatur, Schultern und Po spannt man in Angstsituationen besonders „gern“ an.
3. Gedanken umlenken: Banal, aber wirksam: sich auf anderes zu konzentrieren! Bahnt sich eine Attacke an, ist es ratsam, seine Gedanken umzulenken und nicht weiter auf die (körperlichen) Anzeichen zu achten. Schreiben Sie stattdessen beispielsweise die Einkaufsliste für die kommende Woche oder überlegen Sie, wohin der nächste Urlaub gehen soll.
4. Die Angst „durchgehen“ lassen: Verdrängen sollte man eine Panikattacke trotzdem nicht. Je mehr man sich gegen die Angst wehrt, desto stärker kommt sie am Ende zurück. Lassen Sie die Angst zu, aber sehen Sie sie dabei nicht als Gegner. Merkt man, es passiert eigentlich eh nichts, kommt sie die nächsten Male eventuell schon schwächer daher.

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